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Besuch aus der Vergangenheit
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Autor:  Arthur Lanski [ Di 15. Mär 2016, 08:52 ]
Betreff des Beitrags:  Besuch aus der Vergangenheit

[Washington DC – Nähe Downtown – 02.06.2065 – Vormittag]

Arthur stieg aus seinem Wagen, den ordentlich und vorschriftsmäßig in einer Seitenstraße geparkt hatte. Nichts wäre auffallender gewesen als frech in zweiter Reihe direkt vor der Türe zu parken, zu der man hineingehen wollte. Er fuhr auch keinen dieser protzigen SUVs, die in den Fernsehserien immer so beliebt waren und schon drei Blocks weiter schrien: „Hallo! Die Polizei ist da!“ Nein, sein Wagen war ein Coupé in einem dezenten Silbergrau, das auch ein älterer, gut situierter Herr hätte besitzen können. In der Gegend hier war er noch nie gewesen und so musste er sich, nachdem er das Auto abgeschlossen und sich einige Schritte entfernt hatte, neu orientieren, um nicht versehentlich in die falsche Richtung zu gehen. Schnell hatte er jedoch das Haus entdeckt, in das er wollte und er ging zielstrebig, aber nicht zu schnell darauf zu. Gerade so, wie es alle Menschen taten, wenn sie ihre Besorgungen erledigten. Er setzte seine Sonnenbrille auf und strich das gut frisierte Haar zurück, obwohl das nicht notwendig gewesen wäre. Ein paar Schritte weiter registrierte er Blicke von Passanten, die ihm einen Tick zu neugierig erschienen und schon wanderte die Sonnenbrille wieder zurück in die Innentasche seines Sakkos. Sein Anzug war teuer gewesen, strahlte das in seinem bescheidenen Beige aber nicht aus. Er hätte alles sein können: Buchhalter, eine kleine Nummer bei eine Bank, vielleicht irgendwo mit Anwalt arbeiten, Bundesbeamter sein. Aber nichts an ihm wedelte mit einem imaginären Schild, das die Leute aufmerksam werden ließ. Doch manchmal – und das wusste er nur zu gut – konnte es zwei unscheinbare Dinge sein, die man miteinander kombinierte und schon verschob sich das Bild in eine Richtung, die man nicht anstrebte. So war das mit der Sonnenbrille.
Für manche Menschen wären diese Überlegungen wohl stressig gewesen, für Arthur gehörten sie zu seinem Alltag wie die Luft zum Atmen.

Er hatte den Eingang des Gebäudes erreicht und trat ein. Er zog unmerklich die Augenbraue nach oben und kam nicht umhin noch einmal den Kopf zu schütteln – so wie er es getan hatte, als er zum ersten Mal gelesen hatte, was aus ihr geworden war. Yoga und Massagen. Mit beidem konnte Arthur rein gar nichts anfangen, aber beim aufmerksamen Blick auf sein Umfeld musste er feststellen, dass so ein Geschäft wohl lohnend war. Er fühlte sich beobachtet.

„Kann ich Ihnen helfen, Sir? Haben Sie einen Termin?“ Die Empfangsdame lächelte ihn freundlich an und musterte ihn seinerseits über den Rand ihrer Brille hinweg. Arthur lächelte zurück und strich seine Krawatte glatt. „Nein, leider.“ Er erwiderte das Lächeln. „Es handelt sich mehr einen Notfall.“ Das war nicht gelogen, obwohl er auch nicht recht wusste, was es in einem Yoga- und Massagestudio für Notfälle geben konnte, doch schon kam ihm die freundliche Dame wohl unwissend zur Hilfe: „Ich verstehe, Sie Armer! Ja, die Bandscheiben können einen fürchterlich quälen, nicht wahr? Kommen Sie…“ Arthur sparte sich jeden Kommentar und vermied es auch ein leidendes Gesicht aufzusetzen. Er war ein schrecklicher Schauspieler und hätte sich dadurch vermutlich eher verraten, als dass es weitergeholfen hätte. Er folgte der Frau in einen anderen Raum, wo er warten sollte. Er fragte sich, wie viele Leute hier wohl arbeiteten? Denn wenn jemand anderes als Talisha zu ihm kam, musste er wohl Farbe bekennen warum er hier war.

Talisha Jordan.

Er rief sich ihre erste Begegnung in Erinnerung, als er noch beim FBI gewesen war. Das Treffen war kurz gewesen, distanziert und geschäftlich. Die Menschen hatten die Tendenz ihn zu vergessen und er fragte sich, ob sie sich wohl erinnern würde. So saß er also aufrecht und steif auf seinem Platz und wartete ab.

Autor:  Talisha Jordan [ Mi 16. Mär 2016, 04:03 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Besuch aus der Vergangenheit

Das Studio von Talisha war mitten in der Stadt. Nahe der Downtown – quasi um die Ecke vom politischen District und der Finanzwelt. Reiche Menschen gingen ein und aus in diesem Studio. Menschen, die sich alles leisten konnte, was sie wollten. Menschen, die die Macht dieser Welt in ihren gierigen Händen hielten. Menschen, die das System mächtig gemacht hatte und die sich nun das System so hindrehen konnte, um mächtig zu bleiben. Talisha kannte Bankengeheimnisse, sie wusste von Affären, von denen niemand etwas erfahren durfte, sie wusste, wer von diesen Männer und Frauen, wann Dreck am Stecken hatten – und das hatten sie alle. In die Augen jener Mächtiger war sie nichts weiter als eine junge Masseurin, die ihren Job gut machte und gute Ratschläge gab. Sie war ein niemand.
Eine Arbeiterameise, die man leicht zertreten konnte, wenn sie aufmüpfig wurde. Das glaubten viele.

Es mochte auch inzwischen die Wahrheit sein. Inzwischen war Talisha nicht mehr beim NSA. Inzwischen tänzelte sie nicht mehr auf der Klinge zwischen chinesischen Drogenringen und gefährlichen Machtspielchen der Finanzwelt. Manch einer würde dies vielleicht als besser empfinden. Vielleicht sogar genießen, dass man nicht mehr jeden Tag um sein Leben bangen muss. Doch nicht Talis. Sie hatte für ihren Job gelebt. Sie war ihr Job gewesen und nun war sie nur noch ihr Cover…
Das dunkle Schneewittchen schritt durch den Flur ihrer Praxis und verabschiedete sich einem vielversprechenden Kunden. Wäre sie noch für das NSA beschäftigt würde sie behaupten, dass sie es hier mit einem korrupten Angestellten für einen Senator zu tun hatte. Er wusste viel über das System und er schien sich zu gut auszukennen. So als hätte er vieles auswendig gelernt. Gelernt um es normal klingen zu lassen, wenn er antwortete. Allerdings war es zu genau. Zu detailliert. Niemand konnte sich so gut an etwas erinnern, dass er ‚normal‘ gelernt hatte. Sie würde vermuten, dass er ein Spion war. Doch für wen?

Sie reichte ihm die Hand und schenkte ihm ein warmes Lächeln. „Es war wie immer eine Freude und nicht die Übungen vergessen, sonst wird sich die Schulter nicht besser.“ Ein Augenaufschlag, ein leichtes Nicken und ein Winken zum Abschied als er seine Jacke nahm. Welcher Staat wohl die ganzen Geheimnisse zu gesandt bekam? Er wirkte kaukasisch, aber das war heutzutage ja nun wirklich nichts, dass man als Basis nehmen konnte. Sein Englisch war gut und fließend. Er hatte sich den hiesigen Akzent antrainiert, aber darunter war ein anderer. Sie würde ihn finden und identifizieren und dann…
…sich in ihrem neuem Wissen sonnen und mit den Schultern zucken. Schließlich wollte niemand all die dreckigen Geheimnisse, die sie jeden Tag entdeckte.

Alicia. Die Dame am Empfang hielt Talis davon sich eine Kaffeepause zu gönnen. „Huch, jemand ohne Termin?“, bemerkte Talis etwas überrascht und zuckte dann mit den Schultern. „Nun, Nummer 3, ja?“ Damit nickte Talisha der Jüngeren zu. „Alles klar. Ich schau es mir an.“ Mit ruhigen Schritten näherte sich die hochgewachsene Frau dem Raum. Selbstbewusst wie eh und je öffnete sie die Tür und trat ein.
„Einen schönen guten Morgen.“, begrüßte sie die Person noch während sie eintrat. Der Blick aus den Augen, welche die Farbe von flüssiger Zartbitterschokolade hatte, glitt über Arthur. Für einen Moment zuckte eine Augenbraue ganz leicht. Dann ließ sie die Tür ins Schloss gleiten und trat auf ihn zu. Wie üblich hielt sie ihm die Hand hin dessen Handrücken bereits eingehüllt mi Tätowierungen war. „Ich bin Talisha. Was ich heute für dich tun?“, fragte sie scheinbar vollkommen normal. Wenn sie ihn erkannt hatte, dann ließ sich Talisha derzeit noch nichts anmerken. Doch ihr Blick lag immer noch auf Arthur. Jede Bewegung und jede Handlung wollte sie erfassen. Beobachten, Personen verstehen und hinter die Fassaden zu blicken war das, wozu Talisha ausgebildet worden war. Sie war gut darin und hatte es niemals aufgegeben auch nach ihrem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst.

Autor:  Arthur Lanski [ Di 12. Apr 2016, 13:40 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Besuch aus der Vergangenheit

Arthur sah sich aufmerksam im Raum um, während er wartete. Es wirkte alles sehr sauber und ordentlich. Lediglich ein Bild an der Wand, auf dem eine anatomisch genaue Abbildung der Wirbelsäule zu sehen war, hing ein klein wenig schief. Er sah weg und ließ den Blick weiter durch den Raum schweifen. Die Farben und die Inneneinrichtung waren geschmackvoll, aber praktisch gewählt und dachte, dass er wohl hier her kommen würde, wenn er tatsächlich ein Problem mit der Bandscheibe hätte. Sein Blick glitt zurück zu dem schief hängenden Bild. Er hielt es nicht länger aus: er stand von seinem Platz auf und rückte es gerade, um sich dann wieder zu setzen. Besser. Sehr viel besser.
Kaum hatte er wieder Platz genommen, hatte sein Warten auch schon ein Ende. Die Türe öffnete sich und eine Frau trat ein, die höflich begrüßte, noch ehe sie ihn wirklich gesehen hatte. Im ersten Augenblick verfluchte Arthur innerlich sein Pech, doch dann fiel ihm auf, dass es genau die Person war, die er anzutreffen gehofft hatte. Sie hatte sich verändert, aber dennoch erkannte er sie sofort als er ihr in die Augen sehen konnte. Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, die Arthur tatsächlich einen Moment lang anstarrte. Er konnte nichts mit Tätowierungen anfangen, aber zuweilen waren sie tatsächlich praktisch. Wie viele Kriminelle hatten sich dadurch schon verraten?

Er erhob sich – langsam und in seiner typisch korrekten Art, aber durchaus geschmeidig und ganz offensichtlich ohne Schmerzen, wie die Annahme eines Bandscheibenvorfalls vermuten hätte lassen. Er strich sich die teure Krawatte zurecht, die perfekt saß und ergriff die ihm angebotene Hand. „Guten Morgen“, grüßte er mit einem feinen Lächeln zurück. Ansonsten war da nicht viel, das etwas über ihn verraten hätte. Selbst das Lächeln war beliebig austauschbar und konnte vergessen werden, noch ehe man es richtig bemerkt hatte. Von allzu langem Versteckspiel hielt er in diesem Fall nichts, als sagte er: „Ich wollte mich mal umhören, wie es der chinesischen Verwandtschaft so geht.“

Autor:  Talisha Jordan [ Mi 20. Apr 2016, 14:26 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Besuch aus der Vergangenheit

Talishas Augen wanderten über die Bewegungen von Arthur als er sich erhob. Bemessend und abschätzend. Wie erwartet. Der gute Herr schien keinerlei Schmerzen zu haben. Fest, aber sicherlich nicht zu fest legten sich ihre Finger um seine Hand. Schlanke Finger, die allerdinge Kraft besaßen. Kraft von mehr als nur dem Durchkneten von harten Muskeln. Auch wenn dies durchaus dazu beitrug.
Immer noch war der Blick der dunklen Augen auf den Mann vor ihr gerichtet. Nach einem kurzen Handschlag löste sie die Hand wieder von seiner und deutete auf den Stuhl. Sie selber ließ sich geschmeidig wie eh und je auf einen Hocker nieder.

„Nun, ich sollte dich darauf hinweisen, dass es überaus unerwünscht ist, dass ich weiterhin Umgang mit der chinesischen Verwandtschaft pflege.“ Der dezente Hinweis darauf, dass sie nicht mehr offiziell im Dienst war. Die Umstände dazu waren etwas, dass sie in diesem Moment sicherlich nicht mit Arthur besprechen wollte. Vielleicht waren ihm Teile der Geschichte sogar bekannt. Wobei sich die NSA auch ungerne in die Karten schauen ließ – vor allem vom FBI.
Dann zuckte sie leicht mit den Schultern. „Aber man munkelt dennoch, dass die Verwandtschaft kann nicht klagen. Sie scheinen sich bestens zu entwickeln trotz des durchwachsenen Wetters von oben.“ Ein leichtes Schmunzeln auf den blutroten Lippen begleitete diese Worte. Genauso wie ein wissendes Funkeln in den Augen. Der neue Agent war ein Stümper. Talis hatte nur wenige Wochen gebraucht ihn zu erkennen und nun… nun hoffte sie, dass er keine Familie hatte, die um ihn trauern würde, wenn er beim Job draufging.

„Großmutter JinJin hat trotz ihres Alters immer noch sehr scharfe Augen und Lügner werden immer noch sehr hart bestraft in der Familie.“ Das Syndikat wurde von JinJin geführt. Eine Frau, dessen wahrer Name niemand kannte. JinJin bedeutete Die Goldene und in dieser Hinsicht wohl auch sehr wahr. Die Dame war reich und eiskalt. Talis hatte sehr hart daran gearbeitet ausreichend tief in die Familie zu kommen um ihr einmal gegenüber stehen zu können, aber bevor sie es erreichen konnte, hatte man sie wegen der anderen Sache rausgeworfen. Ihre Abwesenheit hatte dafür gesorgt, dass sie an Vertrauen verloren hatte. Vermutlich stand sie immer noch höher in der Gunst der alten Frau als der neue Agent, doch so aussichtsreich wie damals war es lange nicht mehr.
Wozu auch? Niemand würde ihr danken, wenn sie die wahr Identität der Schattenmutter der Triaden hier in Washington aufdeckte… oder?

Dann lehnte sie sich zurück und überschlug eines der lagen Beine über das andere. Der Blick klar und fokussiert auf Arthur gerichtet. „Lange nicht mehr gesehen, Arthur. Sag, woher kommt das spontane Interesse an der chinesischen Verwandtschaft?“ Die unausgesprochene Frage, die ihm Raum stand, war wohl eher: Und wieso kommst du damit zu mir?

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